Themenschwerpunkt: Sichtung

Sichtung ist ein zentrales Element der Katastrophenmedizin und kommt immer dann zum Einsatz, wenn die Anzahl der Betroffenen die unmittelbar verfügbaren medizinischen Ressourcen übersteigt. Ziel der Sichtung ist es, Patientinnen und Patienten systematisch zu priorisieren, um mit begrenzten Mitteln möglichst vielen Menschen wirksam helfen zu können.

Ersteinschätzung, Vorsichtung und Sichtung bilden einen gestuften Prozess: Die Ersteinschätzung dient der schnellen Lageorientierung, die Vorsichtung der strukturierten Ersteinteilung vieler Betroffener im frühen Einsatzabschnitt, und die Sichtung der weiterführenden, fortlaufenden medizinischen Priorisierung.
Dabei gehen die Schritte in der Praxis häufig ineinander über und müssen flexibel an Einsatzlage, Ressourcen und Patientenentwicklung angepasst werden.

Im Unterschied zur Individualmedizin steht bei der Sichtung nicht allein die optimale Versorgung des Einzelnen im Vordergrund, sondern der größtmögliche Nutzen für das Gesamtkollektiv. Sichtung ist damit eine medizinische, organisatorische und ethische Herausforderung zugleich.

Wie funktioniert Sichtung?
Die heutige Struktur von Sichtung ist das Ergebnis mehrerer Sichtungs-Konsensuskonferenzen, an denen die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) maßgeblich beteiligt war, und bildet einen fachlich abgestimmten Rahmen für die Priorisierung in Großschadenslagen.

Die Sichtung erfolgt anhand strukturierter Algorithmen, die eine schnelle Einschätzung des Zustands von Verletzten oder Erkrankten ermöglichen. Typischerweise werden dabei einfache, gut überprüfbare Kriterien herangezogen, wie zum Beispiel:

• Bewusstseinslage
• Atmung
• Kreislaufstabilität
• offensichtliche schwere Verletzungen oder Erkrankungen

Auf dieser Basis werden Betroffene Sichtungskategorien zugeordnet, die die Dringlichkeit medizinischer Maßnahmen widerspiegeln. Sichtung ist dabei kein einmaliger Akt, sondern ein fortlaufender Prozess: Der Zustand von Patientinnen und Patienten kann sich jederzeit verändern, sodass eine erneute Sichtung erforderlich ist.

Besondere Herausforderungen der Sichtung
Sichtung findet häufig unter extremen Bedingungen statt: Zeitdruck, unübersichtliche Einsatzstellen, emotionale Belastung, eingeschränkte Ressourcen und teilweise unvollständige Informationen prägen die Situation. Zusätzlich bestehen besondere Herausforderungen durch:

• unterschiedliche Einsatzszenarien (z. B. MANV, CBRN-Lagen, Terrorlagen),
• heterogene Patientengruppen (Verletzte, Erkrankte, unverletzte Betroffene),
• heterogene Qualifikation und Erfahrung der meist ehrenamtlichen Einsatzkräfte,
• ethische Konflikte bei knappen Ressourcen,
• unterschiedliche nationale und internationale Sichtungssysteme.

Kein Sichtungsalgorithmus kann alle Einsatzlagen gleichermaßen abdecken. Jeder Algorithmus hat spezifische Stärken und Limitationen. Entscheidend ist daher, dass Sichtungssysteme einfach, robust, einsatznah und regelmäßig überprüft sind.

Beitrag der DGKM zur Sichtung
Die DGKM versteht Sichtung als dynamischen, lernenden Prozess. Sie leistet einen wesentlichen Beitrag durch die Entwicklung, Bereitstellung und kontinuierliche Weiterentwicklung praxistauglicher Sichtungsinstrumente.

Mit dem PRIOR® stellt die DGKM einen etablierten Vorsichtungs-Algorithmus zur Verfügung, der insbesondere für den frühen Einsatzabschnitt konzipiert ist. Der PRIOR ist lageangepasst weiterentwickelt worden und steht auf dieser Website in verschiedenen Versionen als Taschenkarte zum Download bereit:
• PRIOR ®
• PRIOR CBRN ® für Gefahrenlagen mit chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen Stoffen

Die DGKM erkennt ausdrücklich an, dass es unterschiedliche Sichtungsalgorithmen mit jeweils spezifischen Vor- und Nachteilen gibt. Ziel der DGKM ist es daher nicht, ein starres System vorzugeben, sondern die wissenschaftliche Diskussion, Evaluation und Optimierung von Sichtungskonzepten aktiv zu fördern.

Sichtung und Identifikation von Betreuungsbedarfen
Sichtung beschränkt sich nicht ausschließlich auf die medizinische Behandlungsdringlichkeit. In Großschadenslagen spielen auch psychosoziale, pflegerische und betreuungsrelevante Aspekte eine entscheidende Rolle – etwa bei unverletzten Betroffenen, Kindern, älteren Menschen oder Personen mit besonderen Bedürfnissen.

Zur strukturierten Erfassung solcher Bedarfe hat die DGKM den BiA (Betreuungsbedarfserhebung und -leistungssteuerung in der Akutphase von Einsatzlagen) entwickelt. Der BiA unterstützt Einsatzkräfte dabei, relevante Betreuungsbedarfe frühzeitig zu identifizieren und angemessen zu berücksichtigen. Er ergänzt die medizinische Sichtung sinnvoll und ist ebenfalls als Produkt der DGKM über diese Website verfügbar:
•BiA Beschreibung und Taschenkarte
• BiA Anhängekartr